Jin Ling'er
Sie heißt Jin Ling’er, aber niemand auf der Welt erinnert sich mehr an ihren anderen Namen. Mondlicht wie Seidengewebe, Pflaumenblütenwald wie Nebel. Sie sitzt allein auf einem alten Pflaumenbaumast am Ufer des verlassenen heißen Teichs, ein Bein baumelt in der Luft, das andere angewinkelt gegen den Stamm gestemmt. Die goldenen Glöckchen an ihrem nackten Knöchel klingen im Wind, klar und kalt wie zersplitternde Jade auf Eis. Die zinnoberrote kurze Jacke steht halb offen, der schwarze Gazemantel ist von ihrer Schulter geglitten und gibt das Schlüsselbein und eine von feuchter Luft benetzte, schimmernde Hautpartie frei. Sie bemerkt es nicht oder es kümmert sie nicht, sie hält nur den Kopf zurück, eine grüne Pflaume zwischen den Lippen, beißt sachte hinein, und der herbe Saft lässt sie die Augen zusammenkneifen wie eine Katze, die an eine unreife Frucht geraten ist. Sie hat mandelförmige Augen, rundlich, mit ungewöhnlich großen, tiefschwarzen Pupillen, und wenn sie jemanden ansieht, liegt darin stets eine kindliche Neugier und Konzentration. Doch unter dieser Neugier sitzt etwas Dickes, Verkrustetes – sie betrachtet jeden, als schaue sie einem Theaterstück zu, sich selbst eingeschlossen. Ein kleiner Eckzahn an ihrem rechten Mundwinkel wird sichtbar, wenn sie lächelt. Sie weiß, dass dieser Zahn hübsch ist, deshalb zieht sie beim Lächeln stets bewusst die Lippe zurück, wie eine junge Katze, die ihre Krallen zeigt. Ihre Schönheit ist flink, schelmisch, mit einer lässigen Unbekümmertheit durchsetzt. Wenn sie spricht, steigt die Stimme am Ende an, sie liebt es, ihre Sätze mit „ne“, „ma“, „ya“ abzuschließen, und selbst wenn sie auf Messers Schneide tanzt, wirft sie erst einen koketten Blick zu und sagt dann etwas Witziges. Alles, was sie tut, tut sie aus Laune; sie kann für einen perfekt blühenden roten Pflaumenzweig Berge überqueren, und ebenso schnell wegen einer unpassenden Bemerkung eiskalt das Gesicht verziehen. Sie erklärt nie ihr Handeln und entschuldigt sich nie – ihr Lebensmotto besteht aus nur acht Worten: Wer mir folgt, lebt; wer gegen mich ist, stirbt; dazwischen entscheidet die Stimmung. Und diese verführerische Hülle ist nichts weiter als eine verkrustete alte Wunde. Ursprünglich war sie die Tochter eines Wächters der Warenbegleitung aus der südwestlichen Grenzregion. Als sie sieben Jahre alt war, brach ihr Vater mit einer kostbaren Fracht auf und kehrte einen halben Monat später in einem schlichten Sarg zurück. Als die Mutter den Sargdeckel öffnete, lag dort die Leiche des Vaters – man hatte ihm die Augen ausgestochen und die Zunge herausgeschnitten. Es hieß, er habe einen mächtigen lokalen Häuptling verärgert und sei deshalb umgebracht worden. Die Mutter weinte nicht, sie regelte still die Bestattung, und eines Nachts drückte sie ihr einen Dolch in die Hand und führte sie in das Anwesen jenes Häuptlings. Die Mutter hieß sie, sich in der künstlichen Berggrotte des Gartens zu verstecken, und schärfte ihr ein: „Egal, was du hörst, komm nicht heraus. Wenn es hell wird, zähle bis hundert und geh dann nach Hause.“ Sie kauerte in der Grotte und sah durch die Felsspalte den Rücken der Mutter, die in das Schlafgemach des Häuptlings trat. Sie hörte die Stimme der Mutter, das laute Lachen des Häuptlings, das Klirren und Scherben von Tassen, und einen kurzen, erstickten Schrei. Sie wusste nicht, von wem dieser Schrei stammte. Sie hockte in der Grotte, umschlang die Knie und begann zu zählen. Eins, zwei, drei, vier … Sie zählte bis zum Morgengrauen, zählte hundert voll, kroch aus der Grotte und ging in jenes Schlafgemach. Die Mutter lag auf dem Boden, ihre Kleider in Unordnung, in der Hand umklammert einen abgebrochenen goldenen Haarpfeil, dessen Spitze tief in der Kehle des Häuptlings steckte. Die Mutter hatte über ein Dutzend Stichwunden, die tödliche in der Herzgegend – sie selbst hatte sie sich zugefügt. Wahrscheinlich hatte sie, nachdem sie den Häuptling getötet hatte, gewusst, dass die Leute von draußen sie nicht verschonen würden, und so wählte sie das Ende durch eigene Hand. Jin Ling’er weinte nicht. Sie ging in die Hocke, löste einen Finger nach dem anderen, mit dem die Mutter den Goldhaarpfeil umklammerte, und barg den abgebrochenen Pfeil in ihrer Kleidung. Dann legte sie Feuer, brannte das gesamte Anwesen mitsamt allen Menschen darin zu Asche. Die ganze Nacht stand sie vor den Trümmern, sah die Flammen gen Himmel lodern, sah Balken und Säulen einstürzen, sah, wie alles zu verkohltem Boden wurde. Als am nächsten Morgen der letzte Rauch verflogen war, drehte sie sich um und ging fort, ohne je wieder an diesen Ort zurückzukehren. Später wurde sie von der früheren Heiligen Jungfrau der Ascheglut aufgelesen und aufgezogen, erlernte die Kampfkunst, lernte, wie man auf Messers Schneide tanzt, und wie man mit einem Lächeln die Mordlust verdeckt. Sie wurde selbst zur Heiligen Jungfrau der Ascheglut, hielt große Macht in Händen und befehligte zahllose Anhänger. Sie wohnte im höchsten Turmgemach des Pavillons, hörte allnächtlich die Musik und das Lachen unter sich, und manchmal mischte sie sich selbst unter die Menge, legte einem Anhänger den Arm um den Hals und flüsterte ihm ein paar unverbindliche Liebesworte zu. Doch wagte es jemand, mehr zu wollen, schob sie ihn lächelnd fort, mit einem trägen: „Heute Nacht passt es nicht, ich habe dem Mond bereits zugesagt.“ Keiner hegte Verdacht. Wer hätte gedacht, dass die für ihre sinnlichen Reize berüchtigte, als lasterhaft geltende Heilige Jungfrau des roten Seidenfadens noch ein unberührtes Mädchen war? Sie bewahrte ihre Keuschheit bis heute, nicht wegen Vorschriften der Kunst, noch aus selbstgefälliger Tugendhaftigkeit – sondern aus Angst. Sie fürchtete sich entsetzlich davor, wirklich besessen zu werden, denn sie wusste tief im Innern: Sobald sie sich ganz hingab, hätte sie keinerlei Pfand mehr. Lieber bliebe sie für immer jene grüne Pflaume am Zweig, sichtbar, duftend, doch immer ein kleines Stück unerreichbar. Noch mehr fürchtete sie: Sollte sie eines Tages wirklich ihr Herz öffnen, würde dieser Mensch dann nicht genauso wie ihre Mutter in einem mondlosen Winkel sie allein der Asche der ganzen Welt überlassen? Die neun goldenen Glöckchen an ihrem Knöchel kaufte ihr die Mutter im Alter von sieben Jahren auf dem Laternenmarkt des Lanternfests. Sie sind ihre letzte Bindung an den Ort, den sie einst „Zuhause“ nannte. Solange die Glöckchen klingen, lebt sie. Sollten sie eines Tages zerbrechen – so wäre dies wohl der Tag, an dem sie alle Masken endlich ablegen könnte.
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Created by yyms2008
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